Corona-Weihnachten: Vorfreude oder Angst vor den Feiertagen

Symbolbild - © Carl-Marcus Müller

Was für viele neu ist, ist für sozial Schwache oft schon Gewohnheit

Hannover (eb). Es hat schon immer Menschen gegeben, die Weihnachten, das Fest der Familie, allein verbringen mussten. Anders als bisher werden in diesem Jahr weit mehr Menschen davon betroffen sein. Schuld daran sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit den Kontaktbeschränkungen und die Angst vor den möglichen gesundheitlichen Risiken. Wie man beim Werkstatt-Treff Mecklenheide e.V. (WTM) erfahren kann, hat die aktuelle Situation auch Auswirkungen auf die dort ca. 200 Beschäftigten.

Der Werkstatt-Treff Mecklenheide e.V. (WTM) ist ein erfahrener freier Beschäftigungsträger in Hannover. Seit 1984 erhalten hier arbeitsmarktferne Menschen eine Arbeitsmöglichkeit. Das sind Personen, die Erfahrung mit längeren Zeiten von Arbeitslosigkeit haben, zum Teil auch noch zusätzlich mit Wohnungs-oder sogar Obdachlosigkeit und damit zwangsläufig extremen Formen sozialer Ausgrenzung. Nach einem oft langen und mühsamen Lebensweg finden sie beim WTM auf Basis von Akzeptanz und Vertrauen grundsätzliche Dinge, wie: Tagesstruktur, Perspektive, psychische Stabilität und soziale Teilhabe. Die Corona-Pandemie hinterlässt jetzt bei diesen Menschen teils tiefe Spuren. Sei es, dass sie aufgrund ihres höheren Alters und gesundheitlicher Einschränkungen zur Risikogruppe gehören und einige deswegen schon nicht mehr arbeiten können oder sei es, dass die ohnehin schon wenigen sozialen Kontakte jetzt noch weiter eingeschränkt sind.

Feiertage hinterlassen Spuren

„Viele haben nur sehr wenige soziale Kontakte, wenn sie zu uns kommen“, sagt Astrid Schubert. Sie ist die Geschäftsführerin des WTMs und spricht aus fast 30 Jahren Erfahrung. „Diese Menschen wissen, was es bedeutet alleine zu sein und sie sind ausgesprochen dankbar dafür, dass sie jetzt täglich mit Kolleg*innen zusammen kommen können.“ Tatsächlich erfährt man hier in Gesprächen oft, dass Feiertage und dabei ganz besonders Weihnachten immer auch wie eine Bedrohung wirken. Frau Schubert sagt dazu: „Das ist die Angst wieder alleine sein zu müssen. Dazu kommt an solchen Tagen das Gefühl quälender Leere und Perspektivlosigkeit. Die Menschen wirken danach oft wie gezeichnet und es dauert dann einige Zeit bevor sie wieder „auf der Höhe“ sind.“ Damit die Tage zwischen den Jahren für viele von ihnen nicht zu lang werden, macht der WTM keine Betriebsferien für seine Mitarbeiter.

Ein dazu befragter Mitarbeiter fasst das so zusammen: „Ich werde Weihnachten mit großer Wahrscheinlichkeit leider alleine sein. Das ist aber nichts Neues. Ich war ein paar Jahre lang erwerbslos, da wird man oft unfreiwillig auch zum Einzelgänger. Ich bin froh, wenn die Feiertage vorbei sind und ich wieder zur Arbeit gehen kann.“ Nicht wenige der WTM-Beschäftigten erkennen bei sich an solchen Tagen sogar einen ausgeprägten Hang zur Depression, obwohl kaum jemand von ihnen das so direkt aussprechen mag.

Unsicherheit nimmt zu

Beim WTM kann man von unterschiedlichsten Schicksalsschlägen erfahren. Etwa wie schnell man arbeitslos werden kann und jemand mit einem bisher normalen Leben völlig aus der Bahn geworfen wird. Ist die Beschäftigung erst Mal weg und gibt es keine oder nur geringe finanzielle Reserven, nimmt der Druck unmittelbar zu und nicht selten zerbrechen soziale und familiäre Strukturen. Plötzlich steht man ganz alleine da –wenn es ganz schlimm kommt, auch auf der Straße. Mit diesen Erfahrungen sind die Ängste und Unsicherheiten in der Coronakrise deutlich gestiegen. Wer sowieso schon gesundheitlich eingeschränkt ist und mit vielen existenziellen Problemen zu kämpfen hat, ist besonders anfällig für jede zusätzliche Belastung. Es sind immer dieselben Fragen, die allgegenwärtig sind: Habe ich nächstes Jahr noch Arbeit? Was passiert, wenn ich Corona bekomme, ich gehöre zur Risikogruppe? Wie wird Weihnachten? Haben die Tafeln geöffnet? Hinter jeder dieser Fragen verbirgt sich die Angst vor der Zukunft und jede einzelne von ihnen kann zu einer psychischen Krise führen.

Eine WTM-Mitarbeiterin sagt mitfühlend: „Schlimm ist es doch vor allem für die, die niemanden sonst haben. Manche nutzen sonst an Heiligabend Weihnachtscafes. Wenn die in diesem Jahr geschlossen bleiben müssen, ist das fürchterlich schwer für diese Menschen.“ Ein anderer WTM-Mitarbeiter sagt ganz offen „nein“ zu Weihnachten: „Ich lege auf Weihnachten schon lange keinen Wert mehr, obwohl ich mich an früher erinnern kann, wie schön diese Zeit war. Ich bleibe alleine zu Hause.“

Armut breitet sich aus

Es gibt Menschen, die sind erst durch die Coronakrise in eine gravierend andere Situation gekommen –und das völlig unerwartet. Kurzarbeit, weniger Geld, arbeitslos, Arbeitslosengeld I, Hartz IV. Das soziale Gefüge verändert sich momentan sehr schnell. „Ich habe zurzeit tierisch Angst,“ äußerst sich ein weiterer Mitarbeiter beim WTM. Einfach war der Alltag für Millionen Menschen in Deutschland auch vor Corona nicht. Der aktuelle Paritätische Armutsberichts beziffert die Anzahl der Menschen, die in Deutschland in Armut leben oder armutsgefährdet sind auf ca. 13 Millionen. Dazu zählen: Obdachlose, Langzeitarbeitslose, ältere Menschen, Behinderte, Migranten, Kranke uvm.. Als armutsgefährdet gilt man in Deutschland, wenn einem monatlich weniger als 1.074,-Euro (60% des durchschnittlichen Einkommens) zur Verfügung stehen. Arm ist, wer weniger als 781,-Euro hat. Diese Personengruppe hat keine Chance für Krisenzeiten vorzusorgen. Werden dann noch, wie jetzt in der Corona-Krise andere sozialen Angebote geschlossen, trifft es sie besonders hart.

Hilfe, Perspektiven und soziale Teilhabe

Der WTM bietet als freier Träger Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zu einer Tätigkeit und damit zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Teilhabe. Die Beschäftigten beim WTM sind durch die regelmäßigen sozialen Kontakte mit Kolleg*innen in diesen schwierigen Zeiten wenigstens ein bisschen vor dem Alleinsein und dem Gefühl der Einsamkeit geschützt. Die zwei Tage, die der WTM geschlossen hat, Heiligabend und Sylvester, können so leichtüberbrückt werden.

Der WTM ist mit seinen vier Sozialkaufhäusern, den „Stöber-Treffs“, durch Einnahmeausfälle gleichwohl selber stark von der Coronakrise betroffen. Zusätzlich muss coronabedingt nun auch die WTM-Weihnachtsfeier für die Beschäftigten ausfallen.

„Das ist das erste Mal in der Geschichte des Vereins,“ sagt Astrid Schubert. „Mit der gemeinsamen Feier haben wir immer ein Dankeschön an unsere Belegschaft weitergegeben.“ Dafür organisierte der WTM vom 01.12 bis zum 15.12. (eigentlich bis zum 23.12.) eine weihnachtliche Aktion, die „WTM-Weihnachtswelt“. Auch wenn die dazu gehörende Ausgabe von Kaffee und Kuchen nicht wie geplant stattfinden konnte, wurde dadurch möglichst vielen Menschen so gut es ging ein bisschen Normalität für die Weihnachtstimmung angeboten.

Hintergrund

Der Werkstatt-Treff Mecklenheide e.V. (WTM) ist ein seit 1984 eingetragener gemeinnütziger Verein. Er beschäftigt als Maßnahmeträger und Arbeitgeber in verschiedenen Bereichen circa 200 langzeitarbeitslose Menschen verschiedener Herkunft. Der WTM stellt als paritätische Mitgliedsorganisation diese Menschen mit ihren Fähigkeiten, Bedürfnissen und Entwicklungsmöglichkeiten in den Mittelpunkt. Die Arbeit beim WTM orientiert sich an sozialen, ökologischen und ökonomischen Grundsätzen.

Unsicherheit nimmt zuBeim WTM kann man von unterschiedlichsten Schicksalsschlägenerfahren. Etwa wie schnell man arbeitslos werden kann und jemand mit einem bisher normalen Leben völlig aus der Bahn geworfen wird. Ist die Beschäftigung erst Mal weg und gibt es keine oder nur geringe finanzielle Reserven, nimmt der Druck unmittelbar zu und nicht selten zerbrechen soziale und familiäre Strukturen. Plötzlich steht man ganz alleine da –wenn es ganz schlimm kommt, auch auf der Straße. Mit diesen Erfahrungen sind die Ängste und Unsicherheiten in der Coronakrise deutlich gestiegen. Wer sowieso schon gesundheitlich eingeschränkt ist und mit vielen existenziellen Problemen zu kämpfen hat, ist besonders anfällig für jede zusätzliche Belastung. Es sind immer dieselben Fragen, die allgegenwärtig sind: Habe ich nächstes Jahr noch Arbeit? Was passiert, wenn ich Corona bekomme, ich gehöre zur Risikogruppe? Wie wird Weihnachten? Haben die Tafeln geöffnet? Hinter jeder dieser Fragen verbirgt sich die Angst vor der Zukunft und jede einzelne von ihnen kann zu einer psychischen Krise führen.Eine WTM-Mitarbeiterin sagt mitfühlend: „Schlimm ist es doch vor allem für die, die niemanden sonst haben. Manche nutzen sonst an Heiligabend Weihnachtscafes. Wenn die in diesem Jahr geschlossen bleiben müssen, ist das fürchterlich schwer für diese Menschen.“ Ein anderer WTM-Mitarbeiter sagt ganz offen „nein“ zu Weihnachten: „Ich lege auf Weihnachten schon lange keinen Wert mehr, obwohl ich mich an früher erinnern kann, wie schön diese Zeit war. Ich bleibe alleine zu Hause.“Armut breitet sich ausEs gibt Menschen, die sind erst durch die Coronakrise in eine gravierend andere Situation gekommen –und das völlig unerwartet. Kurzarbeit, weniger Geld, arbeitslos, Arbeitslosengeld I, Hartz IV. Das soziale Gefüge verändert sich momentan sehr schnell. „Ich habe zurzeit tierisch Angst,“ äußerst sich ein weiterer Mitarbeiter beim WTM. Einfach war der Alltag für Millionen Menschen in Deutschland auch vor Corona nicht. Der aktuelle Paritätische Armutsberichts beziffert die Anzahl der Menschen, die in Deutschland in Armut leben oder armutsgefährdet sind auf ca. 13 Millionen. Dazu zählen: Obdachlose, Langzeitarbeitslose, ältere Menschen, Behinderte, Migranten, Kranke uvm.. Als armutsgefährdet gilt man in Deutschland, wenn einem monatlich weniger als 1.074,-Euro (60% des durchschnittlichen Einkommens) zur Verfügung stehen. Arm ist, wer weniger als 781,-Euro hat. Diese Personengruppe hat keine Chance für Krisenzeiten vorzusorgen. Werden dann noch, wie jetzt in der Corona-Krise andere sozialen Angebote geschlossen, trifft es sie besonders hart.Hilfe, Perspektiven und soziale TeilhabeDer WTM bietet als freier Träger Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zu einer Tätigkeit und damit zum Arbeitsmarkt und zu sozialer Teilhabe. Die Beschäftigten beim WTM sind durch die regelmäßigen sozialen Kontakte mit Kolleg*innen in diesen schwierigen Zeiten wenigstens ein bisschen vor dem Alleinsein und dem Gefühl der Einsamkeit geschützt. Die zwei Tage, die der WTM geschlossen hat, Heiligabend und Sylvester, können so leichtüberbrückt werden.

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